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Samstag, 30. Mai 2020

[Rezension] Ediths Tagebuch - Patricia Highsmith

Titel: Ediths Tagebuch
Autor:  Patricia Highsmith
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 1980
Anzahl der Seiten: 435
Cover und Inhaltsangabe: © Diogenes


Begonnen: 04.05.2020
Beendet: 06.05.2020



"Eine Mutter notiert in ihrem Tagebuch, was sie bewegt: Ihr Ehemann trägt sie auf Händen, Sohn Cliffie brilliert an der Elite-Universität Princeton; die Mädchen und die Firmen reißen sich um ihn. Edith selbst macht Karriere als Journalistin. Das ist die Welt, die sie gerne hätte. Doch was Edith Howland in ihrem Tagebuch notiert, sind Tagträume, ist eine Wunschwelt..."



Als ich vor gut zwei Jahren mein erstes Buch von Patricia Highsmith im Bücherschrank gefunden habe, war mir noch nicht klar, wie stark mich diese Autorin doch beeinflussen und inspirieren wird. Mittlerweile habe ich schon einige Bücher von ihr gelesen und entdecke doch stets neue Seiten an ihr und durch ihre Geschichten auch an mir selbst.

Auch in "Ediths Tagebuch" geht es wieder um die psychologische Betrachtungsweise von Charakteren, die an der Gesellschaft und der geforderten beziehungsweise gewünschten Normalität zerbrechen. So steht im Fokus der Geschichte Edith, die am Anfang mit ihrer Familie in ein eigenes Haus zieht. Dort könnte alles perfekt sein, doch Patricia Highsmith zeigt schnell auf, wie stark es bereits unter der Oberfläche brodelt.

In ihrem Tagebuch schreibt Edith die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens nieder - doch dabei kann sie einfach nicht ehrlich sein. Denn wäre sie das, müsste sie sich mit ihrem gestörten Sohn und ihren Eheproblemen auseinandersetzen. Während die Realität den Leser in diesem Buch das eine oder andere mal regelrecht schockiert, nimmt Edith alles gefilterter wahr und flüchtet sich in ihre eigene Welt ...

Edith selbst repräsentiert hier jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens irgendwann stagnieren und sich immer mehr in eine eigene Welt zurückziehen. Frustration und das Gefühl, in einem goldenen Käfig festzusitzen, führen nicht selten dazu, dass eigene Leben Stück für Stück aufzugeben. Auch mir hat Patricia Highsmith mit dieser Geschichte wieder einmal die Augen geöffnet, auch wenn ich wohl selbst sehr oft in Bücherwelten und auch meine eigenen Geschichten flüchte, um die oft sehr trostlose Realität nicht ertragen zu müssen.

Auch Cliffie, Ediths Sohn, empfand ich hier als ungemein faszinierenden Charakter. Während der Leser klar und deutlich erkennt, dass der Junge nach Aufmerksamkeit und Liebe schreit, ignorieren seine Eltern sämtliche Warnzeichen.

In vielerlei Hinsicht wirkt dieser Roman sehr bizarr und doch zeichnet er schonnunglos das Leben vieler Menschen nach, die sich wie Edith auch einreden, dass sie ein gutes Leben haben. Edith selbst flüchtet sich hier schließlich in die Politik, der sie die ganze Schuld an ihr verkorkstes Leben gibt ...

"Ediths Tagebuch" ist ein sehr ruhiger Roman, der die drei Familienmitglieder durchleuchtet und dabei eine Scheinwelt aufdeckt, die zu einer erschreckenden Normalität geworden ist. Für viele Leser wird dieses Werk sicher sehr unangenehm sein, aber genau das ist es, was diesen Roman ausmacht! Er schafft neue Blickwinkel!




Patricia Highsmith zeigt mit diesem Roman auf, dass es manchmal leichter ist, eine Lüge zu leben, statt sich der Wahrheit zu stellen. Damals wie heute ein echtes Meisterwerk!

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