Seiten

Samstag, 25. Dezember 2021

[Rezension] De profundis - Oscar Wilde

 




Titel:
 
De profundis

Autor:  Oscar Wilde

Genre: Biografie
Erscheinungsjahr: 1987
Anzahl der Seiten: 347
Cover und Inhalsangabe: © Diogenes

Begonnen: 22.11.2021
Beendet: 24.11.2021




In dieser Woche brauchte ich unbedingt etwas Geistreiches, denn irgendwie bekommt mir das einseitige Denken der Menschen und das stumme und gehorsame Befolgen jeglicher Regeln momentan nicht wirklich gut. Wir leben, wie einst Oscar Wilde, in einer ungewissen Welt, die sich gerade in eine erschreckende Richtung bewegt. Es ist eine Welt, in der Kritik größtenteils unerwünscht ist.

 "De profundis" von Oscar Wilde war für mich daher ein Werk, das für mich perfekt in die aktuelle Zeit passt. Wilde sitzt im Zuchthaus und denkt über sein Leben, seine Schwächen und vor allem auch die Fehler der Gesellschaft nach. Weggesperrt und auch ohne viel Kontakt zur Außenwelt schreibt er nun einen sehr langen Brief an seinen ehemaligen Freund und Liebhaber Lord Alfred Douglas. Dabei schildert er seine eigene Abhängigkeit, seine Fehler und reflektiert all seine Handlungen, die ihn letztendlich innerhalb der Gesellschaft zu einem "Schuldigen" gemacht haben.

Schlimm zu lesen ist auf den ersten Seiten wie Oscar Wilde von seinem Freund schamlos ausgenutzt und in den Ruin getrieben wurde. Wilde ist allerdings nicht verbittert und er will auch nicht hassen, stattdessen möchte er seinen Freund zum Umdenken animieren. Gleichzeitig ist spürbar, dass er während des Schreibens dieses Briefes und seiner Zeit in Gefangenschaft selbst ein anderes Denken annimmt. Er erkennt, wie wertlos der eigene Besitz war, wie oberflächlich er selbst dachte und handelte und wie sehr er sich von seiner Kunst entfernt hat, um anderen Menschen ein angenehmes Leben zu ermöglichen.

Sprachlich ist der Brief und auch "Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading" ein absolutes Highlight. Oscar zitiert zahlreiche andere Denker und nähert sich so den großen Themen dieses Briefes, aber auch seines eigenen Lebens: Selbsbestimmung und Selbstverwirklichung. Zeitgleich erschafft dieser Brief auch noch ganz andere Blickwinkel auf sein wohl bekanntestes Werk "Das Bildnis des Dorian Gray".

Ich habe mir zahlreiche Stellen markiert, da mir Oscar Wilde tatsächlich aus der Seele spricht. Ich habe mich in vielen Denkweisen selbst erkannt. Besonders das Leiden für die eigene Kunst bestimmt schon einige Jahre mein Leben und es war tröstlich zu erkennen, hier nicht allein zu sein. "De profundis" ist die unfassbar ehrliche und reflektierende Selbsterkenntnis eines talentierten Künstlers, der sich zu oft vom Weg hat abbringen lassen und nun aufopferungsvoll eine andere Richtung einschlagen will. Ob ihm dies nach seiner Freilassung gelungen ist, sei dahingestellt, aber ich denke, mit diesem Werk, das sich vorallem an andere Künstler und Denker richtet, hat er bewiesen, das er einer der größten Individualisten der Literaturgeschichte war und das seine Gedanken noch heute einen großen Wert besitzen.


"De profundis" kommt tatsächlich "aus der Tiefe" von Oscar Wildes Seele. Der Brief, den er einst im Zuchthaus verfasst hatte, beschreibt perfekt den Weg zu einem selbstbestimmten und reklektierten Leben, offnebart Wildes Schwächen und zeigt auf, dass wir uns alle als Individualisten ansehen sollten. Ein Werk, das meinen Sicht auf mich selbst, aber auch die Welt verändert und mir wieder einmal gezeigt hat, dass es in Ordnung ist, gegen den Strom zu schwimmen. 

Ich vergebe 5 von 5 mit Extratropfen.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Mit Nutzung der Kommentarfunktion akzeptierst du die Datenschutzerklärung
dieses Blogs.