Sonntag, 9. August 2020

[Rezension] Death - Melvin Burgess

Titel: Death
Autor:  Melvin Burgess
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 21. Februar 2014
Anzahl der Seiten: 352
Cover und Inhalsangabe: © Chicken House


Begonnen: 09.07.2020
Beendet: 13.07.2020





"Death ist Kult. Jeder spricht über die neue Droge. Wer sie nimmt, hat die beste Zeit seines Lebens. Den ultimativen Höhenflug. Den absoluten Kick. Es gibt keine Grenzen, alles ist möglich – eine Woche lang. Den achten Tag erlebt man nicht. Denn Death ist tödlich. Soll Adam die kleine Pille schlucken? Sein Bruder ist tot, bei dem Mädchen, in das er verliebt ist, hat er keine Chance und seine Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig. Adam glaubt, dass er nichts zu verlieren hat. Und die beste Woche seines Lebens ist greifbar nah."

Was würdest du tun, wenn es eine Droge geben würde, durch die du die beste Woche deines Lebens haben könntest, im Anschluss aber sterben müsstest? Mit dieser Frage beschäftigt sich "Death" von Melvin Burgess. Das Buch ist ein verrückter Drogentrip, gleichzeitig aber auch eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Leben und mit dem Tod.

Die Geschichte beginnt auf dem letzten Konzert von Jimmy Earle, einem Musiker, der die Death-Pille genommen hat und einen letzten, unvergesslichen Auftritt hinlegt, bevor er dem legendären Club 27 beitritt.

Adam ist mit seiner "Freundin" Lizzie auch auf dem Konzert und bekommt im Anschluss mit, wie die Welt durch diese Droge einen regelrechten Wandel erlebt. Immer mehr gerade junge Leute geraten in Versuchung, die Pille, die eigentlich für sterbenskranke Menschen entwickelt wurde, einzunehmen.

"Death" ist ein dystopischer Roman, der erschreckende Parallelen zu unserer Welt zieht. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist immer größer geworden, was zur Folge hat, dass die Menschen immer unzufriedener werden. Die Frustration über das eigene Leben und die fehlenden Zukunftsperspektiven sorgen hier für eine Rebellion, die besonders durch die Zeloten, eine Widerstandsgruppe, angetrieben wird.

Adam, der eigentlich Fußball spielen will, dann aber begreift, dass sein Leben doch in eine andere Richtung verlaufen soll, nimmt die Death-Pille ein und natürlich bereut er es. Mit ihm gemeinsam begeben wir uns auf einen verrückten Trip, in dem es oberflächlich betrachtet um Sex, schnelle Autos und Alkohol geht, in dem aber auch eine tiefe Erkenntnis verborgen ist.

Sympathisch ist unser Protagonist nicht unbedingt, aber er symbolisiert hier gut einen verzweifelten Teenager, der in einer einzigen Woche all das erleben will, was ihm, aus verschiedenen Gründen, bisher verwert geblieben ist. Auf der einen Seite hilft ihm die Droge, endlich aktiv zu werden, auf der anderen Seite zeigt sie ihm allerdings auch auf, was er alles vermissen wird, sobald er stirbt ...

"Death" besitzt als Roman oder vielmehr als Thriller hier eine Dynamik, die der gleichnamigen Drobe absolut gerecht wird. Die Geschichte bietet Action, Spannung und Humor. Für die großen Gefühle bleiben hier allerdings kein Platz - beziehungsweise keine Zeit ...

Adam und Lizzie sind beide noch sehr jung und an einem Punkt, in dem sie nicht wissen, was sie wirklich wollen. Während Adam seine allerletzte Woche auskostet, ist es Lizzie, die verzweifelt um noch mehr Zeit für ihren "Freund" kämpft.

"Death" bietet bis zum Ende einige Wendungen und Überraschungen. Ich wurde durch die Geschichte, die auch einige sehr brutale Momente besitzt, gejagt und habe gelitten, gelacht, gekämpft und natürlich auch wieder über mein eigenes Leben und die viele weggeworfene Zeit nachgedacht ...


Eine Pille, die dir die beste Woche deines Lebens verspricht und dich im Anschluss aber tötet. Adam nimmt diese Droge und mit ihm gemeinsam erleben wir hier einen verrückten Trip, der zum
Nachdenken anregt und der zeigt, wie wichtig es ist, jede Sekunde des Lebens auszukosten ... Ein tolles Jugendbuch!




Donnerstag, 6. August 2020

[Rezension] Die Hexe aus Novara - Sebastiano Vassalli

Titel: Die Hexe aus Novara
Autor:  Sebastiano Vassalli
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 1. Januar 1995
Anzahl der Seiten: 410
Cover und Inhalsangabe: © C. Bertelsmann


Begonnen: 06.07.2020
Beendet: 09.07.2020



"In einem kleinen norditalienischen Dorf wächst das Findelkind Antonia zu einer außergewöhnlich schönen Frau heran, die zudem klug, neugierig, selbstbewusst ist. Eine Ausnahmeerscheinung, von den abergläubischen Dorfbewohnern misstrauisch beobachtet. Schließlich beginnen sie zu argwöhnen, Antonia sei eine Hexe, schreiben ihr das Auftreten von Krankheiten, Missernten, Unwettern zu. Der Inquisitor und Frauenhasser Manini waltet seines Amtes..."



"Die Hexe aus Novara" war mal wieder ein zufälliger Fund aus dem Bücherschrank. Da mich der Klappentext angesprochen und ich auch gerade selbst an einer "Hexen"-Geschichte arbeite, dachte ich mir, dass ich das Buch einfach mal anfange ...

Das erste Drittel beschreibt hierbei nicht nur die Zeit, sondern auch die ersten Lebensjahre von Antonia, die erst als Waisenkind in einem katholischen Heim aufwächst und dann in eine Familie kommt, in der sie wirklich geliebt und akzeptiert wird.

Durch ihre Schönheit, Klugheit und auch ihre offene und ehrliche Art ist sie den Dorfbewohner aber schließlich ein Dorn im Auge. Aus Neid wird schließlich Hass und das ausgerechnet zur Zeit der Hexenverfolgung ...

Sebastiano Vassalli hat hier eine ganz eigene Herangehensweise an diesen historischen Roman. Ich brauchte etwas Zeit, um mich in die Geschichte hineinzufinden. Alles ist sehr detailliert, oftmals historisch so präzise, dass es nicht wie ein Roman liest ... Dabei verliert sich der Autor leider auch etwas in seinen seitenlangen Beschreibungen.

Der Mittelteil war für mich leider extrem anstrengend. Hier entfernt sich der Autor sehr weit von Antonia. Nachdem sie die "Milde Stiftung San Michele" nämlich verlässt, gibt es nämlich erst einmal gut 200 Seiten mit historischen und leider auch sehr trocken erzählten Fakten rund um das Dorf, den neuen Bischof und die Ansichten der Bewohner.

Hierbei geht es natürlich auch um den Fall Antonia, um den Prozess und ihre Verurteilung. Das ist zwar tragisch, war für mich als Leser ab einen gewissen Punkt aber leider nicht mehr wirklich greifbar, da sich der Autor zu weit von seiner Protagonistin entfernt hat und die Geschichte in eine historische Abarbeitung von Fakten verwandelt.

Für "Die Hexe von Novara" war ich wohl nicht die passende Leserschaft. Obwohl es einige starke Momente gibt, in denen das Buch sich wirklich wie ein Roman anfühlt und auch die Ungerechtigkeiten der damaligen Zeit spürbar sind, so war der Rest doch leider zu trocken und lieblos erzählt ... Für meinen Geschmack zu viele Fakten, die sich hätten gleichmäßiger auf die Geschichte verteilen müssen. Ich habe mich hier nach dem Lesen regelrecht erschlagen gefühlt ...



"Die Hexe von Novara" ist eher ein Geschichtsbuch mit jeder Menge historischer Fakten als ein Roman. Für mich definitiv zu viel Details und zu wenig Leben ...





Montag, 3. August 2020

[Rezension] Schlechtes Chili (Hap & Leonard, Band 4) - Joe R. Lansdale

Titel: Schlechtes Chili (Hap & Leonard, Band 4)
Autor:  Joe R. Lansdale
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 14. Mai 2012
Anzahl der Seiten: 320
Cover und Inhalsangabe: © DuMont Buchverlag


Begonnen: 3.07.2019
Beendet: 8.07.2019





"Hap kehrt von der Saisonarbeit auf einer Bohrinsel nach Texas zurück. Eigentlich möchte er sein Leben ändern und nicht länger vagabundieren. Doch daraus wird erst mal nichts, denn der Biker Horse Dick ist ermordet aufgefunden worden. Haps schwarzer Freund Leonard scheint in den Fall verwickelt zu sein. Um Leonard aus der Klemme zu helfen, muss Hap zu Mitteln greifen, die er gar nicht gerne einsetzt …"

Der Anfang des vierten Teiles der "Hap & Leonard"-Reihe beginnt absolut göttlich mit dem Angriff eines wilden Eichhörnchen, das unsere beiden Helden verfolgt und Hap schließlich beißt. Lansdale offenbart hier schon auf den ersten Seiten seinen genialen Humor, schlägt im Anschluss aber wie gewohnt auch sehr ernste Themen an.

"Schlechtes Chili" besitzt einen interessanten Ausgangsplot, denn Leonard gerät hier mit einer Gruppe von Bikern aneinander und dadurch offenbart sich auch hier wieder eine durchgeknallte, brutale und vor allem blutige Geschichte.

Wie in meinem anderen Rezensionen zu dieser Reihe bereits erwähnt, legt Lansdale keinen großen Wert auf Plottwists, große Überraschungen und intelligente Wendungen. Dennoch treibt er seine Storys gnadenlos voran, würzt das ganze mit bissigen Dialogen, schwarzem Humor und einem sehr unverblümten Umgang mit Themen wie Rassismus oder Homophobie ...

In diesem Band bekommt auch Hap endlich wieder eine Liebesgeschichte. Brett empfand ich hier als sehr interessanten Charakter, ich hoffe nur, dass sie nicht dasselbe Schicksal wie Haps Exfreundinnen erleiden wird.

Erneut zeigen sich hier ganz neue Seiten an Hap und Leonard. Lansdale lässt seine zwei Protagonisten hier an jedem Abenteuer wachsen. Ich bin schon gespannt, was dieses Zweiergespann in der Zukunft noch erleben wird ...



Ein wildes Eichhörnchen, ein mit Tollwut infizierter Hap und der König des Chilis ... Lansdale schickt seine beiden Helden auch hier wieder auf einen brutalen und unterhaltsamen Trip, der zwar keine große Überraschungen oder Wendungen bereithält, aber dennoch zu unterhalten weiß!



Freitag, 31. Juli 2020

[Rezension] Die Herren des Hügels - Niccolo Ammaniti

Titel: Die Herren des Hügels
Autor:  Niccolo Ammaniti 
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 31. März 2003
Anzahl der Seiten: 256
Cover und Inhalsangabe: © C. Bertelsmann


Begonnen: 03.07.2020
Beendet: 06.07.2020





"An einem heißen Tag im August endet die Kindheit des neunjährigen Michele. Im verfallenen Haus auf dem Hügel entdeckt er einen halbtoten Jungen. Merkwürdige Dinge spielen sich unter der sengenden Sonne Süditaliens ab. Michele findet heraus, dass der Junge entführt wurde und fast alle im Dorf und auch seine eigenen Eltern schuldig geworden sind. Auch wenn seine Angst zunächst größer ist als sein Mut, verspricht Michele seinem hilflosen Freund, ihn vor den Erwachsenen zu beschützen.
Eine tief bewegende Geschichte vom Verlust des Vertrauens, vom schmerzhaften Erwachsenwerden und vom moralischen Gespür eines Kindes, das erkennt, dass man Unrecht nicht mit Unrecht vergelten darf."

Sehr atmosphärisch beginnt dieser Roman an einem heißen Sommertag, an dem Michele mit seinen Freunden einen Hügel besteigt. Die fünf Freunde machen darauf einen Wettstreit und der letzte, der oben ankommt, soll bestraft werden. So kommt es, dass Michele ein altes, verlassenes Haus, das sich dort in einer Mulde befindet, betreten soll und dort einen Jungen entdeckt, den er erst einmal für tot hält ...

Die Geschichte wird hierbei komplett aus der Sicht von Michele erzählt, der mit seinen neun Jahren erst einmal nicht weiß, was er tun soll. Da wir alles mit seinen Augen betrachten und auch nur seine Gedankengänge verfolgen, werden wir hier natürlich erst einmal mit einer sehr naiven und kindlichen Sicht auf die ganze Situation konfrontiert - gleichzeitig ist es aber auch eine schonungslose und ehrliche Betrachtungsweise ...

Michele war hier ein Charakter, den ich von Anfang an in mein Herz geschlossen habe. Der Umgang mit seiner kleinen Schwester, aber auch sein Mut, sich seinen Freunden zu widersetzen und auch den Erwachsenen zu trotzen, hat mich hier nicht nur beeindruckt, sondern auch berührt. Michele wird im Laufe des Romans erwachsen und kommt dabei zum allerersten Mal mit der echten und mitunter sehr grausamen Welt in Kontakt.

Nicht immer ist das, was die eigenen Eltern oder auch andere Erwachsene einen vorleben und von einem erwarten/verlangen auch das Richtige. Das ist die Kernaussage dieses Romans und auch das, was Michele hier auf sehr schmerzvolle Art und Weise lernen muss.

Der gefangene Junge in dem Loch bleibt hierbei nur eine Nebenrolle. Es geht nicht um das große "Warum" hinter dieser Tat, sondern um den Mut, bei Ungerechtigkeiten nicht die Augen zu verschließen und seinem Herzen zu folgen!

"Die Herren des Hügels" ist ein Coming-of-Age-Roman, der sprachlich durch seine Schnorkelosigkeit und inhaltlich durch seine schonungslose Betrachtungsweise zu überzeugen weiß und zum Nachdenken anregt. Das Ende des Romans ist offen gehalten, weiß mit den letzten Zeilen aber dennoch zu schockieren. Sie spiegeln perfekt das Grauen wieder, das sich langsam in das anfangs so unbeschwerte Leben von Michele geschlichen hat und das ihm offenbart, wie böse die Welt der Erwachsenen sein kann ...



Erneut habe ich in einem Bücherschrank einen kleinen Schatz geborgen. "Die Herren des Hügels" ist ein intensiver und gleichzeitig schockierender Coming-of-Age-Roman über den ich noch länger nachdenken werden. Ein echtes Highlight!


Dienstag, 28. Juli 2020

[Rezension] Robinson Crusoe - Daniel Dafoe

Titel: Robinson Crusoe
Autor:  Daniel Dafoe
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 1967
Anzahl der Seiten: 239
Cover und Inhalsangabe: © Spectrum


Begonnen: 30.06.2020
Beendet: 02.07.2020




"Robinson Crusoe ist ein Roman von Daniel Defoe, der die Geschichte eines Seemannes erzählt, der mehrere Jahre auf einer Insel als Schiffbrüchiger verbringt. Das Buch erschien 1719 und gilt als der erste englische Roman. Das literarische Motiv des Eingeschlossenseins auf einer Insel bezeichnet man nach ihm auch als Robinsonade."

Von der groben Handlung her ist "Robinson Crusoe" wohl jedem bekannt. Durch den zufälligen Fund dieser alten Ausgabe in einem Bücherschrank kam ich nun nun endlich in den Genuss, diesen Klassiker zu lesen und mit Robinson gemeinsam auf einer einsamen Insel zu stranden.

Daniel Dafoes Schreibstil ist hier sehr einfach gehalten, da "Robinson Crusoe" wohl in erster Linie ein Buch für Kinder und Jugendliche ist. Ich war zu Beginn überrascht, dass sich das erste Viertel des Romans mit Robinson Crusoes Vorgeschichte befasst.

So widersetzt sich Robinson hier seinen Eltern und zieht hinaus in die Ferne. Schon seine erste Schiffsreise offenbart ihm hier die Gefahren des Meeres, doch Robinson lässt sich nicht abbringen und gerät bald in sein erstes Abenteuer, das schließlich in einer Gefangenschaft endet. Robinson beweist schon in jungen Jahren Mut und Entschlossenheit und kann fliehen. Nachdem er jedoch kurzzeitig sesshaft geworden ist, zieht es ihn wieder auf ein Schiff und schließlich landet er allein auf einer Insel ...

Robinson Crusoe hat mich als Charakter stark beeindruckt. Er verzweifelt nie und macht das Beste aus seiner Situation. Er baut sich auf der Insel ein neues Leben auf, versorgt sich selbst und findet stets eine Beschäftigung, die ihn daran hindert, irgendwas Negatives an seiner Lage zu sehen.

Die Freude und Begeisterung Robinsons ist auf jeder Seite spürbar und vor allem auch ansteckend. Sein einfaches und dennoch so interessantes Leben auf der Insel zeigt, mit wie wenig wir Menschen eigentlich auskommen und wie viel unsere Welt doch zu bieten hat, wenn wir doch nur einmal genau hinschauen.

Mit Robinson gemeinsam habe ich viele kleine und große Abenteuer auf dem Meer und auf der Insel erlebt und daher wird mir dieser beindruckende Held noch lange in Erinnerung bleiben!

Freitag, 24. Juli 2020

[Rezension] Der Tag, an dem Hope verschwand - Claire North

Titel: Der Tag, an dem Hope verschwand
Autor:  Claire North
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 26. Oktober 2017
Anzahl der Seiten: 640
Cover und Inhalsangabe: © Bastei Lübbe


Begonnen: 25.06.2020
Beendet: 02.07.2020





"Mein Name ist Hope Arden. Und ich bin die wohl beste Diebin der Welt. Der Grund dafür ist einfach, wenn auch erstaunlich: Niemand kann sich an mich erinnern. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr bin ich für andere Menschen nicht mehr als ein Schatten, ein namenloses Gesicht. Ich habe keine Freunde außer Reina, mit der ich mich immer wieder anfreunde. Doch nun ist sie tot. Es heißt, sie habe sich umgebracht, aber ich glaube, dass mehr dahintersteckt. Ich werde die Wahrheit herausfinden ― und wenn ich sie erst mal ans Licht gebracht habe, wird sie niemand vergessen .."

Vom Titel und auch vom Klappentext her wirkt "Der Tag, an dem Hope verschwand" sehr unscheinbar und irgendwie auch austauschbar, von daher ging ich, als ich das Buch angefangen habe, von einem unterhaltsamen, aber eher durchschnittlichen Thriller aus. Doch dann offenbarte sich mir eine unfassbar originelle, vielschichtige und vor allem sehr kritische und intensive Story.

Selten ist mir in einem Buch eine solch originelle Protagonistin begegnet. Hope wird von allen Menschen sofort vergessen. Mit 16 fängt es an. Hopes Freunde und ihre Familie können sich plötzlich nicht mehr an sie erinnern. So wird sie schließlich immer einsamer und kann letztendlich auch keinen normalen Job annehmen - Deswegen wird sie Diebin.

Hope ist unfähig, dauerhafte Kontakte zu schließen. Dies ist ihr als Diebin allerdings nützlich, denn niemand kann sich an ihr Gesicht oder auch nur ihre Anwesenheit am Tatort erinnern. Zu Beginn der Geschichte stielt sie auf einer Einführungsveranstaltung einer App namens "Perfection" und wird schließlich mit den Gefahren, die dieses Streben nach Perfektion mit sich bringen, konfrontiert.

Die App, die angefangen mit dem Essen, dem Sportverhalten und dem Kleidungsstil wirklich alles kontrolliert und die Nutzer für "richtiges" Verhalten belohnt, spiegelt hier perfekt unsere heutige Gesellschaft wieder. Menschen wollen schlank sein, gut aussehen, den passenden Job und das passende Umfeld haben. Dafür nehmen doch viele Leute eine neue Rolle ein. So ist es auch in der Welt, in der Hope lebt und in der schon beinahe jeder die "Perfection"-App auf dem Handy installiert hat.

Mit Hope gemeinsam tauchen wir tief in die Welt der "Perfektion" ein und erleben gleichzeitig eine Protagonistin, die eigentlich auch nur endlich "gesehen" werden will. Dabei bereisen wir so einige sehr interessante Schauplätze in Dubai, Tokio, Venedig, aber auch England und Amerika. In kleinen Rückblicken sehen wir, wie Hopes Leben bisher aussah und wie sie sich nach und nach mit ihrem "Leben" arrangiert hat.

"Der Tag, an dem Hope verschwand" ist ein ungemein fesselnder und vielschichtiger Roman, der sehr viel kritisiert, aber gleichzeitig auch aufzeigt, dass man nicht in der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt leben sollte.

Claire North besitzt einen sehr eindringlichen Schreibstil und treibt die Geschichte auf den 640 Seiten gnadenlos voran. Ihre Protagonistin bereist die halbe Welt und befindet sich doch stets auf der Suche nach sich selbst oder auch nur jemanden, den sie sich anvertrauen kann und der sich hin und wieder an sie erinnert. Bis zum Ende habe ich mit Hope gekämpft, gelitten und natürlich gehofft ... Solch ein unscheinbares Buch hat sich hier doch als wahres Highlight entpuppt!


Kritisch, vielschichtig, originell und temporeich. So würde ich die Geschichte der Diebin Hope beschreiben, die hier von allen Menschen vergessen wird, aber dennoch ihren Platz in dieser Welt sucht und erkämpft! Ein ungemein intensives Werk, das nun zu meinen Lieblingsbüchern zählt!


Dienstag, 21. Juli 2020

[Rezension] Der englische Patient - Michael Ondaatje

Titel: Der englische Patient
Autor:  Michael Ondaatje
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 1. Februar 1996
Anzahl der Seiten: 328
Cover und Inhalsangabe: © dtv


Begonnen: 25.06.2020
Beendet: 29.06.2020





"Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs treffen in einer zerbombten Villa in der Nähe von Florenz vier Menschen unterschiedlicher Nationalität zusammen, zwischen denen ein eigenartiges Beziehungsgeflecht entsteht. Jeder der vier, drei Männer und eine Frau, sie ist Krankenschwester, erfindet sich eine eigene Welt. Doch im Laufe der Zeit offenbart sich ihr Innenleben und ihre wahre Geschichte."

Wieder einmal ist mir in einem Bücherschrank ein wahrer Klassiker in die Hände gefallen. "Der englische Patient" von Michael Ondaatje ist ein Werk, dass sich mit den Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges beschäftigt und dabei vier Charaktere am Ende des Krieges aufeinandertreffen lässt,

Michael Ondaatje besitzt einen einzigartigen, fast schon poetischen Schreibstil. Wundervolle Beschreibungen und Metaphern wechseln sich hier mit harten historischen Fakten ab, was den Roman sicherlich nicht zu einer einfachen Kost macht.

Die Krankenschwester Hana pflegt einen fast vollständig verbrannten Patienten in einer einsamen Villa. Hana klammert sich hier förmlich an ihre selbstauferlegte Pflicht, sich um den Mann zu kümmern, um sich nicht mit dem, was die Jahre zuvor passiert ist, auseinandersetzen zu müssen.

Bald stößt noch ein alter Freund von Hana hinzu. Caravaggio ist ein Dieb, der bei einer Mission beide Daumen verloren hat. Schließlich erreicht auch noch Kip die toskanische Villa, der auch jetzt noch Bomben entschärft.

Die Geschichte beginnt sehr ruhig und fast schon friedlich. Das Ende des Krieges fühlt sich hier wie ein Stillstand an. Erst durch ein einzelnen tragischen Vorgeschichten, die im Laufe der Erzählung aufgearbeitet werden, wird deutlich, wie sehr unsere vier Charaktere sowohl körperlich als auch psychisch noch unter dem Krieg zu leiden haben. Das Ende eines Krieges bedeutet nämlich nicht gleichzeitig die plötzliche Rückkehr zur Normalität.

Auf dem Klappentext meiner Ausgabe wird hier auch noch eine "große Liebesgeschichte" angesprochen, doch ich muss ehrlich sagen, dass ich die großen Gefühle hier vermisst habe. Da alles in Rückblicken erzählt wird, ist auch eine gewisse Distanz vorhanden. Beim Lesen zog sich zudem eine gewisse Melancholie durch den Roman. Für mich waren die Kriegsabschnitte hier auch teilweise etwas zu überladen.

"Der englische Patient" ist sicherlich keine einfache Lektüre. Teilweise war es auch für mich anstrengend zu lesen und die Vorgeschichte des Patienten fand ich nur halb so spannend wie die von dem Bombenentschärfer Kip. Dennoch halte ich das Buch aber für lesenswert, wenn man bereit ist, sich komplett auf die Stimmung des Romans einzulassen ...

Michael Ondaatjes "Der englische Patient" war für mich keine leichte Lektüre. Es ist mehr Nachkriegsroman als Liebesgeschichte und setzt ein gewisses Maß an Konzentration und die passende Grundstimmung voraus ...