Sonntag, 14. Juni 2026

[Rezension] Im Spiegel der Anderen - Mary Gaitskill

  


Titel: Im Spiegel der Anderen

Autor:  Mary Gaitskill

Genre: Roman

Erscheinungsjahr: 1892

Seitenzahl: 280
Cover: © Rowohlt
Begonnen: 13.05.2026
Beendet: 17.05.2026


Ich bin ja immer auf der Suche nach unbekannten Buchschätzen und so fiel mir nun "Im Spiegel der Anderen" in einem öffentlichen Bücherschrank in die Hände. In der Geschichte geht es um Dorothy und Justine, die durch einen Zettel am schwarzen Brett zueinander finden. Justine ist Journalistin und möchte einen Artikel über Anna Granite und dem Definitismus schreiben. Dorothy bewundert diese Schrifstellerin und war selbst Teil dieser mysteriösen Bewegung, in der es jedoch nicht um Freiheit und das erschaffen einer eigenen Realität geht.

Nach dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Frauen, die sich ähnlicher sind als sie vermuten, erzählt die Autorin erst einmal die Lebensgeschichte beider. Dadurch schweift sie zwar immer wieder ab, zeigt aber gleichzeitig auf, dass beide Frauen in der Kindheit Erfahrungen mit Missbrauch gemacht haben. Während Dorothy Opfer eines sadistischen Vaters wurde, ist Justine mit der Ansicht aufgewachsen, dass es vollkommen in Ordnung ist, andere Menschen zu benutzen. Teilweise sind ihre Abschnitte und auch die Berichte ihre aktuellen Männergeschichten sehr unangenehm zu lesen, denn sie lässt sich nun selbst gerne erniedrigen und benutzen. Vielleicht ist dies auch eine selbst auferlegte Strafe für das, was sie in ihrer Jugend einer Mitschülerin angetan hat.

Der Definitismus und auch die Gemeinschaft, die Anna Granite erschaffen hat, wirkt wie eine klassische Sekte, auch wenn dieser Name nie fällt. Dorothy ist verzweifelt auf der Suche nach Gleichgesinnten, in denen sie ihre eigenen Ideale wiederfindet. Allerdings zeigt sich auch hier, dass sich jeder Mensch eine ganz eigene Realität aufbaut und auch die Worte großer Schriftsteller ganz eigen interpretiert. 

Der Roman ist tiefgründig und erdrückend, wirkt aber manchmal, wenn es um die Philosophie von der Schriftstellerin Anna Granite geht, auch sehr überladen und trocken. "Im Spiegel der Anderen" ist auf jeden Fall ein besonderes Leseerlebnis, das schockiert, abstößt und gleichzeitig aufzeigt, wie unterschiedlich wir Menschen uns nach prägenden Ereignissen entwickeln.


Ein Roman, der von Missbrauch sowie der Suche nach Gleichgesinnten und Idealen erzählt. Tiefgründig und erdrückend!

Ich vergebe 4 von 5.

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