Dienstag, 11. Juli 2017

[Rezension] Qual - Stephen King als Richard Bachmann

Titel: Qual
Autor:  Stephen King als Richard Bachmann
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 1. August 2007
Anzahl der Seiten: 384
Cover und Inhaltsangabe © Heyne




"Ein großer Coup soll den geistig zurückgebliebenen Blaze aller Sorgen entledigen. Er entführt das Baby einer reichen Familie. Was wird er dem Kleinen antun? Während alle Welt ihn jagt, um den Horror zu beenden, geht in Blaze eine Verwandlung vor. Das Lösegeld interessiert ihn längst nicht mehr ...

Die Kindheit des jungen Blaze ist schrecklich: Die Mutter ist gestorben, und sein Vater, ein Trinker, verprügelt ihn ständig und wirft ihn so oft die Treppe hinunter, bis das Kind einen bleibenden Schaden davonträgt. Der leicht behinderte Junge kommt in ein Kinderheim, wo sich die kommenden Jahre jedoch erst recht qualvoll gestalten. Als Jugendlicher begeht er mit seinem Kumpel George harmlose Straftaten, bis dieser bei einer Stecherei umkommt. Aber George meldet sich aus dem Totenreich und flüstert Blaze ein, einen größeren Coup zu starten. Um an wirklich viel Geld zu kommen, entführt Blaze schließlich das Baby einer reichen Familie. Allein mit dem kleinen Bündel Leben, erwacht in ihm eine ungeahnte Fürsorge. Die Flucht vor dem gigantischen Polizeiaufgebot führt in eine Katastrophe ..."




Es war wieder einmal an der Zeit für ein Buch von Stephen King, nachdem alle anderen Blogger wohl gerade in "Es" versunken sind! ;)

Wie viele von euch ja bereits wissen, war ich als Jugendliche ein großer Fan von Stephen King und bevorzuge immer noch seine älteren Bücher. Von den Werken, die er unter seinem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht hat, ist mir besonders "Todesmarsch" nach all den Jahren noch immer in Erinnerung geblieben. Kein Wunder also, dass es jetzt an der Zeit wurde, mal jene Bücher nachzuholen, die ich von ihm noch nicht gelesen habe.

Wer bei "Qual" an wirkliche Qualen in Form von Horror denkt, wird wohl enttäuscht werden. Das Buch, das King noch vor "Carrie" geschrieben hat, ist eine ruhige Geschichte über einen einen zurückgebliebenen Mann, der sich von einem Opfer zum Täter entwickelt, seine Opferrolle aber niemals abschütteln kann.

Augenmerk legt King hier auf seinen Protagonisten. Sehr detailliert wird die Hintergrundgeschichte von Blaze beschrieben, aber auch seine momentane Lage mit der Schnapsidee, ein Kind zu entführen, Ich bin nach wie vor beeindruckt, wie viel Leben ein Autor seinen Charakteren einhauchen kann.




- Blaze -

Ich beschränke mich hier bei der Charakteristika auf Blaze, denn ihn begleiten wir während der gesamten Handlung. Er ist geistig zurückgeblieben, denkt aber dennoch recht viel nach. Nachdem sein Kollege George, mit dem er schon so einige Straftaten begangen hat, erstochen wird, flieht er sich in einen regelrechten Wahn. Zwar weiß Blaze, dass George längst tot ist, dennoch beginnt er mit ihm zu reden und seine Anweisungen auszuführen.

Der tote George ist es auch, der Blaze dazu auffordert, das Baby zu entführen. Er gibt ihm vor, wir er zu handelt hat und was er tun soll. Dies lässt darauf schließen, dass in Blaze selbst doch eine andere Persönlichkeit steckt, eine Persönlichkeit, die unter seiner Opferrolle längst verschwunden ist.




Mit Blaze als Protagonisten hat Stephen King hier wieder einmal einen besonderen Charakter erschaffen. Als Leser muss man selbst entscheiden, ob nun die Opferrolle überwiegt oder ob Blaze vorwiegend als Täter anzusehen ist.

Nach und nach offenbart King auch die schreckliche Vergangenheit von Blaze, der vom Vater schwer misshandelt wurde und nie so recht Anschluss gefunden hat. Ich habe Mitleid mit Blaze empfunden, der immer jemanden gebraucht hatte, der ihn führt, leider aber immer an die falschen Personen geraten ist.

Nach Georges Tod steht Blaze wieder allein da und hier beginnt die Geschichte, die Blaze noch tiefer in die Dunkelheit drängt. George lebt in seinem Kopf weiter, immer wieder wird allerdings deutlich, dass Blaze längst weiß, dass sein Freund ist. Dennoch brauch er jemanden, der ihn führt, denn er hat Angst eigene Entscheidungen zu treffen.

Sehr sensibel beschreibt Stephen King hier die Vorgeschichte von Blaze, die wahrlich schrecklich ist. Er schafft es, den Leser zwischen den Stühlen zu platzieren. Auf der eine Seite ist da nämlich Blaze, der zurückgebliebene Junge, der vom Vater misshandelt wurde, nie die Liebe einer Mutter hatte und seinen Platz in dieser Welt niemals gefunden hat. Die andere Seite ist grausam: Blaze ist nämlich auch der Mann, der ein Baby entführt, Straftaten begeht und wenig an die Folgen denkt.

Ich hatte Mitgefühl mit Blaze und habe ihn nie als echten Täter angesehen. Er wurde durch sein Umfeld zu dem Menschen gemacht, der er jetzt ist und das ist schrecklich, denn beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass er nichts für seine Situation konnte. Immer wieder blitzt durch, dass Blaze eigentlich kein schlechter Mensch ist, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern auch Grautöne, zu denen er auf jeden Fall gehört!

Schon als er das Baby entführt, offenbart sich eine andere Seite an ihm. Er ist fürsorglich und wird zu jenem Vater, den er selbst nie gehabt hätte. Eine gewisse Melancholie liegt in der gesamten Geschichte, die eigentlich auch davon handelt, wie Blaze hätte werden können ...




"Qual" war mal wieder ein sehr intensives Leseerlebnis. Obwohl das Buch sehr ruhig ist, es wenig
Blut und "Horror" gibt, ist es ein kleines stilles Meisterwerk, das nachdenklich stimmt und den Leser zwischen den Stühlen platziert. Ist Blaze nun mehr ein Opfer oder ein Täter? Welche Seite überwiegt?

Kommentare:

  1. Hallo :)
    Ich hab das Buch im März auf Englisch gelesen und fand es auch richtig gut.
    Liebe Grüße Melli

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    1. Hi Melli :D

      Ich glaub, ich muss auch mal einen King auf Englisch lesen! Schön, dass es dir auch so gut gefallen hat! :D

      Liebe Grüße
      Jessi

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  2. Hallo Jessi,
    ach ja, die gute alte Stephen King - Zeit. Ich kenne sie auch :o))) Qual habe ich allerdings noch nicht gelesen. Meist braucht King ja immer etwas, um in Fahrt zu kommen und dann legt er aber richtig los.

    Bei deiner Beschreibung musste ich ein wenig an Das Mädchen denken. Das bleibt es ja auch eher "ruhig" vom Plot her. Hast du das Buch gelesen? Ist das von der Spannung her vergleichbar?

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

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    1. Hi Tanja :D

      Oh ja, die "King"-Zeit war wohl die tollste meiner Jugend! *träum*

      "Das Mädchen" habe ich damals auch gelesen, mit Kings Baseball-Leidenschaft :P Du hast recht, das Buch ist auch eher ruhig und es geht da ja auch um den inneren Konflikt des Mädchens! Also ja, von der Spannung auf jeden Fall vergleichbar! Man darf eben keinen echten Horror mit Blut und Gewalt erwarten, sondern eher eine tiefgründigere Geschichte! :D

      Liebe Grüße
      Jessi

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  3. Hallo Jessi,

    das ist eine sehr, sehr schöne Rezension von dir. Ich merke richtig, wie dir das Buch gefallen und dich fasziniert hat.

    Ehrlich gesagt, ich hätte bei dem Titel schon an Kings typischen Horror gedacht. Gut zu wissen, dass er bei dem Buch anders kann.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Hi Nicole :D
      Ja, endlich mal wieder ein King, das erinnert doch an die gute alte King-Zeit von früher. Seine Bücher sind einfach immer noch so genial ...

      Und ja, ich dachte auch, es wäre mehr Horror, der deutsche Titel ist wirklich nicht so gut gewählt, der englische "Blaze" passt einfach besser, da es hier eben um einen zerbrochenen Mann geht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

      Liebe Grüße
      Jessi

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    2. Hallo Jessi,

      da kriegt man noch mehr Lust auf den nächsten King. :) Ich bin ja bei der "Es"-Leserunde dabei und bin gespannt, ob es beim zweiten Mal noch immer so Eindruck macht.

      Um "Qual" schleiche ich schon ewig herum. Irgendwann ist es sicherlich dran.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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    3. Hi Nicole :D

      Ich hatte auch schon überlegt, "Es" noch einmal zu lesen, es gehört auch zu meinen Lieblingsbüchern, hab aber auch die Befürchtung, dass das Grauen beim zweiten Mal nicht mehr so intensiv über den Leser hereinbricht ;/

      Vielleicht gehe ich das im Winter mal an ;) Da passt es auch besser! Mal schauen, welches ältere Stephen King-Buch ich bis dahin noch ausgrabe! ;) "The Stand" habe ich übrigens auch noch nicht gelesen, bin mir da aber unsicher! Da warte ich mal deine Meinung ab :D

      Liebe Grüße
      Jessi

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  4. Hi Jessi,

    auf diese Rezension hab ich ja schon hibbelig gewartet. ;o)

    Mir hat das Buch anno Knipps nämlich auch richtig gut gefallen und ich war nun schon irre gespannt, was du dazu sagst (naja schreibst) ...

    Freut mich, dass es dir gefallen hat!

    Liebe Grüße
    Patricia

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    1. Hi Patricia :D

      Das Buch ist echt toll, schön, dass es dir auch so gefallen hatte :D Glaub, ich werde jetzt auch nach und nach mal wieder alle Stephen King Bücher lesen, ich vermisse ich alte King-Zeit echt!

      Liebe Grüße
      Jessi

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