Freitag, 13. Juli 2018

[Leseprobe] "Impa & Way und die Namen des Bösen" - Jeidra Rainey

Heute erscheint mein nächstes Jugendbuch als Ebook und ich dachte, ich präsentiere euch direkt einmal das erste Kapitel aus Impas Sicht. Viel Spaß beim Lesen!

-1-

Impa Krämer hasste es, zu warten. „Zeit totschlagen“, so nannten es die Leute mit einem Schmunzeln, unwissend, wie wertvoll jede einzelne verlorene Sekunde doch war. Das Leben konnte so schnell vorbei sein.
Ich schlage gerade die Zeit tot, dachte Impa. Ich trete sie mit den Füßen und spucke sie, wenn sie keuchend am Boden liegt, auch noch an. Ich könnte genauso gut einen Vorschlaghammer nehmen und mir damit den Schädel einschlagen.
Impa versuchte stets, jede einzelne Minute und jede Sekunde zu nutzen. Sich einfach abzulenken, damit ihre kostbare Lebenszeit verstrich, widerte sie an. Seit sie Jayden kannte, war sie aber genau dazu gezwungen.
Jayden war eigentlich kein schlechter Kerl. Hin und wieder konnte er ganz erträglich sein. Dann brachte er sogar den einen oder anderen halbwegs klugen Satz über die Lippen.
Sein Problem, das damit auch Impas war, bestand darin, dass er einfach kein Interesse an einer festen Freundin hatte. Kein Interesse und keine Zeit, aber das wollte er sich nicht eingestehen. Ein Kerl wie er brauchte eine Freundin an seiner Seite, eine besonders pflegeleichte.
Impa saß wieder einmal in seinem Auto und zählte die Minuten, bis er endlich aus dem Fitnessstudio kam. Ein dreißigminütiges Training musste für ihn täglich sein, ansonsten fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut.
Zweimal war Impa mit ihm gegangen, aber Sport war so gar nichts für sie. Das monotone Training an den Geräten hatte sie gelangweilt. Hinzu kamen die stöhnenden und schwitzenden Menschen, deren gaffende Blicke sie nicht ertragen hatte. Das war nicht ihre Welt.
Sie fragte sich, warum jemand freiwillig so viel Geld bezahlte, um ein stinkendes Studio zu besuchen, während im Wald ausreichend Trainingsgeräte zur freien Nutzung zur Verfügung standen. Vielleicht war ihnen der Waldboden zu schmutzig für die teuren Sportschuhe, die ein jeder von ihnen trug oder aber es gab dort, in der Einsamkeit der Natur, einfach nicht genügend Bewunderer.
Die halbe Stunde war um. Nun würde Jayden nur noch zehn Minuten brauchen, um sich umzuziehen und fünf weitere für ein Gespräch mit seinen Freunden vor dem Eingang. Ein monotoner Ablauf.
Impa blätterte ein letztes Mal die Bücher durch, die sie im Anschluss zur Bibliothek bringen wollte. Ihre Lieblingsstellen hatte sie nun schon viel zu oft gelesen.
Hätte sie doch bloß einen eigenen Führerschein, aber dafür hatte sie weder das Geld noch das nötige Selbstvertrauen. Sie sah sich selbst durch ihre Schusseligkeit bereits als Gefahr für den Straßenverkehr. Niemand sollte ihr die Macht über ein Auto geben, konnte sie doch nicht einmal richtig Fahrradfahren.
Jayden trat mit zwei von seinen Freunden aus dem Fitnessstudio. Durch die regennasse Windschutzscheibe konnte Impa sein verzerrtes, lachendes Gesicht erkennen. Er war glücklich, frei und unbeschwert. All das würde er ablegen, sobald er das Auto betrat.
Jayden redete kurz mit seinen Kumpels und verabschiedete sich. Als er in sein Auto stieg und Impas Anwesenheit registrierte, verkrampfte sich sein kantiges Gesicht. Seine blauen Augen wurden matt und sein durchtrainierter Körper fiel auf dem Fahrersitz in sich zusammen.
Er beugte sich zu ihr, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu geben. „Sorry, dass es so lange gedauert hat!“
„Können wir jetzt bitte zur Bibliothek fahren?“ Impa deutete auf die Uhr auf seinem Armaturenbrett. „Sie schließt in einer Stunde!“
Impa hatte sich bereits den ganzen Tag darauf gefreut, durch die Gänge mit den teils alten und teils neuen Büchern zu schlendern, die interessantesten Werke herauszuziehen, sich vom Klappentext verzaubern und in eine andere Welt entführen zu lassen. Die Bücherei war ihr Rettungsanker, der einzige Lichtblick am Ende eines trüben Tages.
„Also …“ Jayden sah gequält aus. „Eigentlich wollte ich mich noch mit Henry und den anderen Jungs in dem neuen Pub in der Stadt treffen … Da findet eine Eröffnungsparty statt!“
„Was?“, fragte Impa. Sie spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, angetrieben von ihrer Enttäuschung, aber auch einem Gefühl, das ihr vollkommen fremd war. „Heißt das …?“
„Hey!“ Er legte ihr eine Hand auf den Arm. Die Berührung tröstete sie nicht. Ganz im Gegenteil. Sie fühlte sich falsch an.
„Ich kann dich noch zur Bibliothek bringen“, bot Jayden ihr an und betrachtete sich im Rückspiegel. „Zurück musst du dann aber laufen!“
„Laufen?“ Impa konnte es nicht glauben. „Du weißt aber schon, wo ich wohne?“
„Oder du fragst eine Freundin, ob sie dich abholen kann“, schlug Jayden vor und fuhr sich mit den Fingern über seine gezupften Augenbrauen, um sie in Form zu bringen.
Innerlich lachte und weinte Impa. Sie hatte keine Freunde. Niemand konnte sie zu ihrer kleinen Wohnung bringen, die sich im nächsten Dorf befand. Hätte sie doch bloß ihr Fahrrad genommen …
„Du kannst auch mit zum Pub kommen!“ Jayden musste selbst über diesen dämlichen Vorschlag grinsen. „Du kannst ja im Auto warten, das machst du ja eh so gerne …“
In diesem Moment zerriss etwas in Impa. Sie nahm an, dass es ihr Geduldsfaden war. „Ist das dein Ernst?“
Jayden trennte sich von seinem Spiegelbild. „Du kannst natürlich auch mit reinkommen, aber das willst du ja wohl nicht, oder? Du findest Menschen ja eh scheiße!“
Impa drückte ihren Rucksack mit den Büchern an sich. Eine einsame Träne landete direkt auf dem Reißverschluss.
„Hey!“ Jayden seufzte. „Ich kann dich morgen direkt nach dem Training zur Bibliothek fahren!“
Nein. Impa würde es nicht noch einmal ertragen in diesem nach Putzmittel stinkenden Auto warten zu müssen. „Ich habe keine Lust mehr, meine Zeit zu verschwenden!“
„Was?“ Eine kleine Gefühlsregung erschien auf Jaydens Gesicht.
„Du … bist … pure … Zeitverschwendung“, sprach sie das aus, was sie schon lange dachte und betonte dabei jedes einzelne Wort. Es fühlte sich gut an. Befreiend.
Jayden riss die Augen auf und kniff sie dann zusammen. „Du machst mit mir Schluss?“
Erleichterung. Da lag eindeutig Erleichterung in seiner Stimme. Zum ersten Mal teilten sie ein Gefühl.
„Ich glaube, wir waren niemals ein richtiges Paar“, fasste Impa ihre „Beziehung“ zusammen. Sie hatten sich aneinandergeklammert, aus purem Eigennutz. „Ich bezweifle eh, dass du jemand anderen als dich selbst lieben kannst!“
Sie waren vor gut zwei Monaten zusammengekommen. Es hatte nie ein Date gegeben, sie waren sich nur mehrmals über den Weg gelaufen, weil Jayden in Regenthal, dem kleinen Dorf, in dem sie lebte, in einer kleinen freien Autowerkstatt eine Ausbildung machte. Irgendwann hatte er sie gefragt, ob sie nicht seine Freundin sein wollte. Es war so einfach und schnell gegangen, dass niemand von ihnen die Chance gehabt hatte, sich ernsthaft zu verlieben.
Jayden lachte auf. „Dachtest du echt, dass ich jemanden wie dich lieben könnte? Schau dich doch mal an!“
Das musste Impa nicht. Sie wusste auch selbst, wie sie aussah: groß, knochig, blass. Das lange, rötliche Haar hing leblos an ihr herab. Ihre Augen schweiften stets misstrauisch und voller Trauer umher. Die jahrelange Einsamkeit hatte sich in ihr blasses Gesicht gebrannt.
Obwohl sie nichts für Jayden empfand, trafen sie seine Worte hart und unerwartet. Weitere Tränen stahlen sich über ihr Gesicht.
„Ich habe genug Zeit verschwendet“, presste sie hervor und öffnete die Autotür.
„Ja, ich auch …“, entgegnete Jayden und grinste breit. „Ich wollte eh nie mit dir zusammen sein! Du hast mein Auto lange genug mit deinem widerlichen Kräuterzeug verpestet!“
„Gut, dass du mich daran erinnerst!“ Impa griff nach ihrem Thermobecher, in dem sich noch immer ihr heißgeliebter grüner Tee befand. Zum Glück hatte sie bis jetzt nur die Hälfte davon getrunken.
Sie öffnete den Verschluss und feuerte den noch lauwarmen Tee in sein verblüfftes Gesicht. Eine weitere Verschwendung, die ihr keinerlei Genugtuung brachte.
„Ich hoffe, du findest eine Freundin, die wirklich zu dir passt!“, rief Impa ihm zum Abschied zu. „Auch wenn dir das vermutlich zu anstrengend wäre, was?“
Jayden wollte kein Mädchen an seiner Seite, das Zeit mit ihm verbringen wollte. Nein, er wollte einfach nur kein Single sein, weil alle seine Kumpels jetzt eine Freundin hatten.
„Ich kann jede haben!“, kreischte Jayden, als hätte Impa gerade sein Ego beleidigt. Vermutlich hatte er ihr wieder einmal nicht richtig zugehört. „Jede! Aber du wirst niemals wieder jemanden wie mich abbekommen!“
„Das hoffe ich doch“, erwiderte Impa und knallte die Tür zu.
Jayden startete den Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen davon, froh, endlich diese „Verrückte“ los zu sein.
Das war also meine erste Beziehung, dachte Impa und schaute dem silbernen Auto nach. Eine ungemeine Erleichterung erfüllte sie, vermischte sich allerdings mit einer Wut, die sie nicht kontrollieren konnte. War sie auf sich oder auf Jayden wütend? So etwas brauche ich definitiv kein zweites Mal …

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