Samstag, 14. März 2020

[Leseprobe, 1. Kapitel] Rainfield Afternoon Club - Jeidra Rainey

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Zurück in den Käfig
2007

Er schlug sie zum dreiundachtzigsten Mal seit sie verheiratet waren. Insgesamt war es das fünfundachtzigste Mal, dass er die Hand gegen sie erhob.
Die ersten beiden Male verdrängte Lindsay gerne, denn damals hatte sie noch eine Wahl gehabt. Als er auf die Knie gefallen war, um sie zu bitten, seine Frau zu werden, hatte sie sich eingeredet, dass
nach der Hochzeit alles besser werden würde. Natürlich war das nicht passiert. Es war schlimmer geworden. Was anderes hatte Lindsay aber auch gar nicht verdient.
Lindsay zuckte nicht zusammen, als Richard seinen Arm hob und ihr ins Gesicht schlug. Das vierundachtzigste Mal. Sie hatte Mathe nie gemocht, aber es tat gut, hier genau zu wissen, was für ein Monster ihr Mann war.
»Du Miststück«, fuhr er sie an und riss ihr das Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hatte, um ihre Haare zu trocknen, herunter. Seine Finger verfingen sich in ihren langen roten Locken und er riss ihr ein paar Strähnen aus.
»Es tut mir leid, Richard!«, murmelte Lindsay die einzigen Worte, die sie in solch einem Moment sagen durfte.
»Das sollte es auch!« Richard spuckte ihr ins Gesicht. Lindsay blieb regungslos stehen. Sie spürte seinen heißen Speichel, der ihr über die schmerzende Wange lief, aber sie durfte jetzt keine Anstalten machen, ihn abzuwischen. Das würde ihn nur noch wütender machen.
»Zehn Stunden! Ich arbeite jeden Tag zehn Stunden!«, setzte er seine Rede fort. »Da kann ich doch wohl erwarten, dass das Abendessen pünktlich auf dem Tisch steht und das Haus geputzt ist!«
»Ja«, murmelte Lindsay. Sie wusste, dass sie versagt hatte. Der verdammte Braten! Wieso nur hatte sie ihn vergessen, nachdem sie ihn in den Ofen geschoben hatte? Sie war einfach keine Köchin. Dazu fehlte ihr schlicht und ergreifend der Bezug zum Essen.
Sie wusste, wie abgemagert sie aussah, denn sie aß im Grunde nur abends etwas, wenn ihr Mann nach Hause kam und das auch nur, um ihm einen Gefallen zu tun.
»Was hast du den ganzen Tag getrieben?«, fragte er sie, obwohl er die Antwort kannte. Sie hatte geschrieben. Zehn Stunden hatte sie in einer anderen und noch grauenvolleren Welt verbracht. Dabei hatte sie den verdammten Truthahn, den sie in den Ofen geschoben hatte, komplett vergessen.
Richard, dessen sonst so blasses Gesicht purpurrot angelaufen war, stapfte zum Couchtisch. Zum Glück hatte sie die Kapitel, die sie heute zu Papier gebracht hatte, längst sicher verstaut. Sie klebten an der Unterseite des mittleren Fachs ihres Nachttischs.
Richard hob den leeren Schreibblock, der auf dem gläsernen Couchtisch lag, auf und feuerte ihn gegen die Wand. Zum Glück hingen nirgends Bilder, die herunterfallen konnten. Das kleine Haus am Ende der Blossom Road war ein Neubau, der nicht nur von außen wie ein liebloser Klotz aussah. Sämtliche Wände waren weiß gestrichen, es gab keine Dekoration, nur viel zu steril aussehende helle Möbel.
»Verdiene ich etwa nicht ausreichend Geld, damit wir ein anständiges Leben führen können?« Richard atmete schwer. Er war sehr dick, nein, eher fett. Nach ihrer Hochzeit hatte er sicher sechzig Pfund zugenommen. Lindsay ekelte sich schon lange vor ihm. Nicht nur vor seiner Hülle, nein, besonders vor dem, was in ihm steckte.
»Doch!« Lindsay zwang sich zu einem Lächeln, in der Hoffnung, dass er sich endlich beruhigte. Sie wusste nur allzu gut, in was für ein Tier er sich verwandeln konnte, wenn er vollständig die Kontrolle verlor.
»Warum vergeudest du deine Zeit mit dieser sinnlosen Schreiberei?«, fragte Richard und kam wieder näher. »Gebe ich dir nicht alles, was du brauchst?«
»D-das tust du …« Lindsays Stimme bebte, als sie zu ihrem Mann aufblickte, der ein gutes Stück größer als sie war. »E-es tut mir leid, Richard!«
»Das tut es nicht!« Richard packte ihren Arm und zog sie grob an sich. Er roch nach Aftershave und Schweiß. »Würde es dir ernsthaft leid tun, würdest du es einfach lassen. Du würdest alle Schreibblöcke und Stifte wegschmeißen und dich voll und ganz auf deine Arbeit als Hausfrau konzentrieren.«
Er hatte recht. Lindsay hatte es so viele Male versucht, aber sobald er das Haus verließ, kribbelte es in ihren Fingern. Sie musste schreiben, um Richards Rückkehr am Abend ertragen zu können.
»Auf die Knie!«, befahl Richard ihr. Sein dunkles Haar wurde langsam grau. Dabei war er erst 41.
Manchmal hoffte Lindsay, dass er bald einen Herzinfarkt erleiden würde. Er war älter als sie, ganze neun Jahre und er war dick und trieb keinerlei Sport. Vielleicht würde sie das alles nicht mehr allzu lange ertragen müssen.
Lindsay, die sich während des Schreibens wie ein vollkommen anderer Mensch vorgekommen war, spürte, dass Richard sie zurück in ihren Käfig drängte. Es war ein goldener Käfig, der Schlüssel steckte im Schloss, aber Richard bewachte den Eingang.
Lindsay musste gehorchen, flehte aber dennoch um Gnade. »Richard, bitte …«
»Auf die Knie!«, knurrte Richard. Er drückte ihren Arm so fest, dass sie das Gefühl hatte, er würde ihren Knochen zerbrechen.
Lindsay tat, was er von ihr verlangte, schaffte es aber nicht, die Tränen zu unterdrücken, die ihr über die schmerzenden Wangen liefen.
»Hör auf zu weinen!«, fauchte Richard und öffnete seinen Gürtel. »Du weißt, wie sehr mich das anwidert!«
Lindsay wünschte sich, dass nun jemand kam und sie rettete, aber sie wusste nur zu gut, wie grausam das Leben war. Edle Prinzen existierten weder in der Realität, noch in den Geschichten, die sie schrieb. Sie hatte das Leben gekostet und wusste daher, wie bitter es schmeckte.
Richard packte seinen Schwanz aus, der anklagend bereits in ihre Richtung zeigte. Er liebte es, sie zu erniedrigen, es machte ihm Spaß, sie zu benutzen. Sie, die für ihn nur ein lebloses Stück Fleisch war.
Lindsay wurde bewusst, dass sie ihn ebenfalls nur benutzte, um sich selbst zu bestrafen. So, wie sie bisher alle Männer vor ihm nur benutzt hatte, um sich selbst Schmerzen zuzufügen.
»Richard …« Instinktiv wich sie mit dem Kopf zurück, was ihren Ehemann noch wütender machte. Er rammte ihr seinen Penis in den Mund und sie versuchte, den Würgereiz zu unterdrücken.
Der widerliche Geruch seiner Männlichkeit stieg ihr in die Nase und sie versuchte, an etwas anderes zu denken. An etwas, das noch viel schlimmer als das war, was Richard ihr jemals antun könnte.
Gedanklich reiste sie an jenen Tag vor achtzehn Jahren, der alles verändert hatte. Ja, der den Grundstein für ihre heutige Persönlichkeit gelegt hatte. Für ihre momentane Schwäche. Für ihren fehlenden Mut. Ihr mangelndes Selbstvertrauen.
Als Richard sie bäuchlings auf die Couch warf, ihren Rock nach oben schob und ihren Slip zerriss, befand sie sich längst nicht mehr mit ihm im Wohnzimmer. Nein, sie reiste zurück nach Rainfield, den Ort, an dem ihr Leben begonnen und schließlich auch geendet hatte …

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